20 Jahre her – Abschied von der brotlosen Kunst

Im März 2000 – also vor 20 Jahren – besiegelte ich meinen endgültigen Abschied von der „brotlosen Kunst“, den Abschied von Wissenschaft und Forschung. Die Sensortechnik-Firma, wegen der ich 1991 als junge Wissenschaftlerin nach Münster gekommen war, ging im Sommer 1999 in die Insolvenz.

Danach dauerte es noch ca. ein halbes Jahr, bis ich alle Möglichkeiten, als Wissenschaftlerin weiter zu arbeiten, abgecheckt hatte. Und ad acta gelegt. Im Winter 2000 stand somit fest, dass ich mich beruflich neu orientieren würde und im Frühjahr wusste ich auch, wie und wohin.

Nicht, dass ich das Leben als Wissenschaftlerin nicht geliebt hätte. Wissenschaft war toll, so lange man ohne finanzielle Sorgen vor sich hin forschen konnte. Aber wenn man davon leben musste, konnte sie zu einer verdammt brotlosen Kunst werden.

Begonnen hatte es mit der Wissenschaft eigentlich schon Anfang der achtziger Jahre – im vorigen Jahrhundert und in der DDR. 1982 begann ich in Dresden an der Ingenieurhochschule ein Studium für Medizinische Gerätetechnik. Zum Studium gehörte neben dem „Pflichtprogramm“ auch die Mitarbeit an wissenschaftlichen Themen. Dort hatte ich meine erste Begegnung mit der Sensortechnik, initiiert von einem Physikprofessor, dessen Spezialgebiet die „ISFET“s, die Ionen-Sensitiven Feldeffekt-Transistoren waren. Das war damals was ganz Neues und total angesagt: elektronische Bauelemente, die im Chemielabor zur Analyse von Ionenkonzentrationen eingesetzt werden konnten, z. B. zur Messung des pH-Wertes von Wasser.

Mein Diplomjahr verbrachte ich an der Uni Halle, am Chemischen Institut, wo ich mit der „FIA“-Technik („Fließ-Injektions-Analyse“) arbeitete, wo dann die experimentelle Grundlage für meine Diplomarbeit entstand. Diplomiert habe ich dann als Dipl.-Ing. Medizintechnik, aber das Thema war eher chemisch, eher aus der Labordiagnostik.

Danach wurde es noch spannender, zu Elektrotechnik und Chemie begegnete mir nun auch noch die Biochemie. Mein damaliger wissenschaftlicher Mentor, der Physikprofessor unserer Ingenieurhochschule, war damals wirklich höchstpersönlich mit der Bahn von Dresden nach Berlin getuckert und hatte für mich eine Stelle als Forschungsstudentin an der Akademie der Wissenschaften der DDR, am Zentralinstitut für Molekularbiologie klar gemacht. Als Forschungsstudent wurde man drei Jahre lang vom Staat komplett gefördert und hatte dadurch Zeit, eine Doktorarbeit zu schreiben. Hierzu an eine fremde Wissenschaftseinrichtung „delegiert“ zu werden (so hieß das damals) war auch für DDR-Verhältnisse sehr ungewöhnlich.

So kam also nach Berlin, in eine Akademie-Institut. Die Einarbeitung war leicht, die neuen Kollegen waren aufgeschlossen und machte ich wohl einen ganz guten Job. Denn ich bekam schon nach einem Jahr eine richtige, feste Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin angeboten. So bekam ich deutlich vor dem Abschluss der Doktorarbeit dort die Festanstellung und wäre vermutlich bis zur Rente geblieben. Wenn da nicht im Herbst 1989 „Die Wende“ gekommen wäre, die bekanntermaßen alles veränderte, nicht nur in MEINEM Leben…
Über die „Wende“-Zeit und wie ich sie erlebt und wahrgenommen habe, muss ich noch mal gesondert schreiben. Das passt jetzt nicht alles hier in diesen Beitrag über mein Wissenschaftler-Leben, selbst wenn die Wende auch hierfür eine entscheidende Zäsur bedeutete.

Zunächst ging es darum, erst mal die Promotion noch wie geplant zu schaffen, was im September 1990 so eben noch gelang. Ich bekam einen der letzten Doktortitel, die an der Akademie der Wissenschaften der DDR noch verliehen wurden. Das war damals ganz schön knapp, denn schon wenige Tage später, am 3. Oktober 1990, war Schluss mit DDR und Schluss mit Akademie der Wissenschaften der DDR. Ich hätte die Doktorarbeit neu schreiben und woanders einreichen müssen, hätte ich es damals nicht mehr termingerecht geschafft.

Die Akademie der Wissenschaften der DDR wurde im Oktober 1990 aufgelöst, pauschal mit dem Datum des Beitritt, der Wiedervereinigung. Alle Arbeitsverträge der Akademie verloren formal ihre Gültigkeit. Bis dahin hatte ich über  eine Übersiedlung „in den Westen“ nicht ernsthaft nachgedacht, aber nun sah die Sache ganz anders aus. Existenzangst breitete sich aus, auch im ehemals durchaus privilegierten Glashaus der Wissenschaft. Und als Jüngste im damaligen Wissenschaftler-Team, gerade frisch promoviert, bekam ich auf einmal auch unmissverständlich auch Druck von den älteren Kollegen. Sie hielten es für angemessen, wenn ich jetzt ginge und nicht den alten Kollegen eine der wenige Stellen weg nähme, die vielleicht übrig bleiben würden. Die Perspektiven waren damals auch mehr als unklar, es gab also wenig Grund zu bleiben.

Aus dem fernen Münster in Westfalen gab es zu dieser Zeit gleich mehrere Stellenangebote für Wissenschaftler, die sich damals in der DDR mit Chemo- und Biosensorik befasst hatten. In Münster sollte ein neuer Forschungsschwerpunkt für dieses Wissenschaftsgebiet entstehen. Chemo- und Biosensoren waren damals einfach „hipp“, auch in der Wissenschaft gibt es Modeströmungen. „Biosensoren“ waren besonders toll, denn sie waren ja „Bio“. In jenen Jahren sprudelten hierfür die Fördermittel der Ministerien und es gab gleich mehrere westdeutsche Forschungszentren, die sich um die vakant gewordenen Wissenschaftler aus der DDR-Auflösung bemühten.

So kam ich im Frühjahr 1991 nach Münster zur ASTEC, zur „Agentur für Sensor-Technologie“. Das war eine kleine Firma – ca. zehn Mitarbeiter – die davon leben sollte, die Geistesblitze der Münsteraner Chemo- und Biosensorik-Professoren zur Marktreife zu bringen und erfolgreich zu verkaufen.  Das jedoch war viel langwieriger, als sich das alle Beteiligten anfangs vorgestellt hatten. Und das lag nicht an der Qualität der Geistesblitze, sondern daran, dass alle deutlich unterschätzt hatten, wie aufwändig es ist, eine wissenschaftliche Idee wirklich marktreif zu machen. Dafür brauchte man einen langen Atem – einen sehr, sehr langen…

Wir zehn Mitarbeiter(innen) bei der ASTEC hatten es mehr als neun Jahre lang versucht, aber letztendlich haben wir verloren. Zwischendurch war es wirtschaftlich schon schwierig, wir hatten schon mal mehrere Monate Kurzarbeit (über diese Zeit siehe auch „Das ist ja wie in der Lindenstraße“)  Wir versuchten es durchaus mit mehreren wirtschaftlichen „Standbeinen“, aber keines davon war tragfähig genug, die kleine Firma zu ernähren. Manches kam auch einfach zu spät in Gang, um noch einen wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen.

Zum Beispiel entstand kurz vor dem finanziellen Aus der ASTEC noch das „HandIon“, ein Projekt zur Entwicklung von Sensortechnik für holländische Gewächshausbetreiber, zur Überwachung von Nährlösungen. Kein wissenschaftliches Neuland, dafür aber eine solide Anwendung, die das kleine Unternehmen durchaus hätte tragen können. Aber da war das kleine Schiff schon zu tief im Strudel… Im August 1999 ging die ASTEC in die Insolvenz. Wir bekamen unsere letzten noch ausstehenden Löhne vom Arbeitsamt und anschließend Arbeitslosengeld.

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Und plötzlich stand jeder allein vor der Frage, wie es nun weiter geht. Die Angestellten aus Labor und Büro fanden recht schnell wieder neue Stellen. Von uns drei Wissenschaftlern ging der erste, unser Chef, direkt weiter ans ICB. Das war das ebenfalls in Münster beheimatete „Institut für Chemo- und Biosensorik“, mit dem die ASTEC schon immer sehr eng kooperiert hatte. Der zweite Wissenschaftler, ehemaliger Laborleiter der ASTEC, zog weg in Richtung Ruhrgebiet und bekam eine Stelle in einem großen Pharmaunternehmen. Die Angestellten aus dem Labor und der Verwaltung fanden recht schnell wieder neue Jobs, für sie war das Aus für die ASTEC nicht allzu dramatisch.

Mir hatte man ebenfalls eine Stelle am ICB in Aussicht gestellt, aber erst mal nur für drei Jahre im Rahmen eines EU-Projektes. Und die Fördermittel hierfür ließen auf sich warten, die Stelle leider ebenfalls.  Ich nahm auch Kontakt zu früheren Kollegen aus der Akademie-Zeit auf und da gab es eventuell auch eine Perspektive. Aber auch nur für allerhöchsten drei Jahre und dann wahrscheinlich in Itzehoe. Anschließend eventuell in Tübingen. Oder sonst wo…

Deshalb war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich überhaupt in der Wissenschaftswelt bleiben wollte. Feste Stellen gab es dort eigentlich kaum noch. Im besten Falle konnte ich mit einer Zukunft als „Wissenschaftsnomadin“ rechnen. Drei Jahre hier, drei Jahre da – auf unabsehbare, unbegrenzte Zeit, vielleicht bis zur Rente. Das war eigentlich nicht das, was ich mir für die Zukunft vorstellte.

Und eine Hochschul- oder Uni-Laufbahn kam auch nicht (mehr) infrage. Dort sah es auch nicht besser aus, die meisten Stellen waren dort auch inzwischen befristet und bei den unbefristeten herrschte massive Konkurrenz. Die warteten dort ganz gewiss nicht auf mich, zumal damals auch noch die eine Habilitation erforderlich war, die ich auch noch hätte absolvieren müssen. Kurzum, ich war reif für eine Neuorientierung. Ich hatte ja ursprünglich mal was Technisches studiert, daran sollte sich doch eigentlich anknüpfen lassen.

Zunächst galt es jedoch, das Arbeitsamt zu überzeugen, dass ich umschulungsbedürftig war. Anfangs sah man das dort ganz anders, war nach dem Durchblättern aller meiner Zeugnisse der Meinung, das würde mit einer neuen Stelle ja ganz einfach werden und ganz schnell gehen. Aber als wir versuchten, alle meine Abschlüsse – Berufsausbildung mit Abitur, Diplom, Promotion – in eine westdeutsche Ausbildungsmatrix einzuordnen, wurde sehr deutlich, dass hier gar nichts einfach war.

Ich passte einfach nirgends richtig rein, vieles passte in vielen Bereichen ein bisschen, aber niemals so ganz komplett. Natürlich bewarb ich mich auf Stellen, die so einigermaßen infrage kamen und auch initiativ bei anderen Unternehmen, bei denen ich hoffte, eventuell eine Chance zu haben. Es kam auch zu einigen Vorstellungsgesprächen, aber eben nicht zu einem Vertragsabschluss.

Nach einem halben Jahr war ich auch für die „Akademikerbetreuung“ des Arbeitsamtes – so hieß das damals – endlich reif für eine Qualifizierungsmaßnahme. Am meisten interessierten mich Berufe rund um das damals noch junge Internet, alles was sich um die Gestaltung von Webseiten drehte, schien mir eine sichere Bank für die Zukunft zu sein.

Mit Bild und Text konnte ich umgehen, schließlich hatte ich schon zu ASTEC-Zeiten zwei nebenberuflich Fernkurse gemacht, einen für Grafikdesign und einen für Technische Redaktion. Und nun wünschte ich mir eine einjährige Vollzeit-Ausbildung zum „Applikationsentwickler Multimedia“ – das war mein Traum, damit sollten sich doch neue Berufsperspektiven erschließen lassen.

Diese Ausbildung war damals ausgesprochen begehrt und es gab recht viele Bewerber. Alles Leute mit Hochschulabschluss, die irgendwie beruflich im Umbruch standen oder noch gar nicht Fuß gefasst hatten. Zunächst mussten wir alle einen recht aufwändigen Eignungstest absolvieren, den ich durchaus anspruchsvoll, aber nicht unlösbar fand. Einige Mitbewerber waren zwar wesentlich schneller mit dem Fragebogen fertig und wirkten ausgesprochen siegessicher, aber gerade diese habe ich später nicht wiedergesehen. Ich bestand mit einem ziemlich guten Ergebnis und zwei Wochen später ging es los.

Mit dem endgültigen Abschied von der brotlosen Kunst und dem Aufbruch in ein neues Leben…

 

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