20 Jahre her – Die Auserwählten und die Hochbegabten 

“Sie sind die Auserwählten!”, mit dieser Begrüßung startete im April 2000 meine Weiterbildung zum “Applikations-Entwickler Multimedia”. Warum ich damals noch mal für ein Jahr zur Schule ging, habe ich vor Kurzem erzählt. Gucksdu hier: 20 Jahre her – Abschied von der brotlosen Kunst.

Und “die Auserwählten” waren wir, weil wir als einziger Kurs im Siemens Training Center Münster die ganze Zeit Internetanbindung haben würden und auch die Erlaubnis, diese nahezu unbegrenzt zu nutzen. Also für Unterrichtszwecke, nicht privat. Damals war das noch was Besonderes, ist halt auch 20 Jahre her.

Hinter der etwas sperrigen Kursbezeichnung verbarg sich ein Lehrgang, in dem alles vorkam, was man damals für die Gestaltung und Programmierung von Webseiten benötigte. Wir lernten Bild- und Videobearbeitung, Textgestaltung, Screendesign, aber auch Datenbankentwicklung, Netzwerktechnik, Programmierung. Es war ein buntes Potpourri und es hat großen Spaß gemacht.

Wir waren eine bunte Truppe, so ca. 25 bis 30 Teilnehmer – genau weiß ich das nicht mehr. Alle waren arbeitslose “Akademiker”, alle hatten ein Studium angeschlossen, aber aus verschiedensten Gründen keine Arbeit gefunden oder diese nicht behalten können. Es waren Lehrer dabei, Geologen, Sozialpädagogen, Volkswirtschaftler, aber durchaus auch ein paar Informationstechniker.

Gelernt und gearbeitet wurde an PC-Arbeitsplätzen, an denen wir immer zu zweit zusammenarbeiten mussten. Ich hatte Glück und bekam als Kurspartnerin eine junge Frau, mit der ich mich gut verstand und die vor dem Kurs als freie Grafikdesignerin gearbeitet hatte. Wir ergänzten uns auch fachlich extrem gut und unsere gemeinsamen Übungsprojekte fanden viel Anklang bei unseren Kurskollegen. Schnell hatten wir beiden einen Spitznamen weg – “die Hochbegabten”

Ich habe dieses Schuljahr echt genossen. Vieles, was wir im Kurs lernten, machte mir einfach Spaß. Bilder bearbeiten, Videos drehen und schneiden, Webseiten gestalten – genau so hatte ich mir das vorgestellt. Manche Themen waren etwas technischer oder auch langweiliger, aber das war kein Drama. Erlernbar war das alles – wirklich alles.

Was ich ganz persönlich aus diesem Schuljahr mit nahm, war die Gewissheit, dass ich mich als Gewächs des DDR-Volksbildungssystems vor diesen Absolventen des westlichen Schul- und Universitätssystems nicht verstecken musste. Das hatte zwar niemals jemand mir gegenüber direkt und persönlich bezweifelt, aber davon mal abgesehen, waren die DDR-Schulen und Universitäten natürlich total minderwertig gewesen – aus der Sicht der Wessis. Der Kurs gab mir die Chance, mich ein Jahr lang in Lern- und Bildungsfragen mit echten “Wessis” zu messen. Danach hatte ich keine Selbstzweifel mehr 🙂

Und nie wieder davor und danach hatte ich derart normale Arbeitszeiten. Es ging immer morgens um 8 Uhr los und es war immer um 16 Uhr Feierabend. Keine Überstunden, keine Wochenendarbeit – traumhaft. So viel Freizeit hatte ich nie wieder davor und danach. Die nutzte ich für alles Mögliche, ich machte einen Karatekurs, ging tanzen und auch zur Stimmbildung. Es war eine schöne Zeit.

Ok, finanziell musst ich halt kurztreten, für dieses Lehrgangsjahr gab es Unterstützung von Arbeitsamt, in Höhe des Arbeitslosengeldes, dass man zuvor bekommen hatte. War nicht üppig, aber es ging, es war auszuhalten. Auch für meine Tiere, die waren ja auch alle noch da. Aber wir haben es überlebt, und das gar nicht so schlecht.

Ziel der Weiterbildung war es natürlich, dass alle Teilnehmer anschließend eine neue Stelle fanden und das auch permanent, nicht nur befristet oder als Praktikum… Unsere Vorgängerkurse hatten Vermittlungsquoten von 90 bis 100 % gehabt, die ersten Absolventen waren vom Arbeitsmarkt geradezu aufgesogen worden. Während unseres Ausbildungsjahres ging aus der ersten “Internetblase” schon ein bisschen die Luft raus und nicht mehr alle fanden direkt im Anschluss an den Kurs sofort eine neue Stelle, aber 80 % waren es immer noch.

Ich war die erste, die einen neuen Arbeitsvertrag unterschreiben konnte, und das auch noch mitten im Kurs, schon im November 2000. Da hatten wir noch ein halbes Jahr Lehrgang vor uns. Für meinen neuen Arbeitgeber war das kein Problem, dort wartete man auf mich bis zum 1. Mai 2001. Wie es zu der Bewerbung und zum Arbeitsvertrag kam, muss ich noch mal gesondert erzählen, das ist eine eigene Geschichte wert.

Wir wurden vom Kurs auch bezüglich unserer neuen Arbeitsverträge betreut und beraten. Es war ja eine recht neue Branche, in der wir uns da bewarben. Wer wollte, konnte seinen Arbeitsvertrag prüfen lassen, bevor er ihn unterschrieb. Meiner war absolut in Ordnung, fand unser Kursleiter, und er freute sich tierisch: “Das habe ich doch gleich gewusst, dass Sie eine gute Stelle finden werden!” Ich habe mich gefreut, dass er sich so freut.

Gegen Ende der Kurszeit gestalteten wir gemeinsam eine Bewerbungs-Homepage, jede/r bekam eine Einzelseite, auf der er/sie sich kurz vorstellte für potentielle Arbeitgeber. Da war bei mir ja schon längst alles klar, deshalb konnte ich es mir leisten, einen Comic auf meine persönliche Seite zu stellen. War ja alles nicht so ernst gemeint. Es hat sich auch niemand daraufhin bei mir gemeldet. Das macht aber nichts, war ja auch nicht erforderlich.

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Meine „Bewerbungsseite“ – nicht ganz ernst gemeint, war ja nicht mehr nötig 🙂

Mit etlichen Teilnehmern des Lehrganges hatte ich noch ein paar Jahre lang Kontakt. Wir trafen uns recht regelmäßig, anfangs öfter, dann jedoch wurden die Treffen seltener. Nach zehn Jahren gab es noch mal eine richtige Party, da war so ca. die Hälfte der ehemaligen Teilnehmer dabei. Die meisten hatte noch Jobs, einige so wie ich denselben wie direkt nach dem Kurs, andere hatten gewechselt, waren aber in der Branche geblieben. Nur einer fuhr wieder Taxi – wie vor dem Kurs. Ich wüsste schon gerne, was aus ihnen allen geworden ist. Aber die Spuren haben sich leider verloren, ist halt schon 20 Jahre her…

 

2 thoughts on “20 Jahre her – Die Auserwählten und die Hochbegabten 

  1. 5 Jahre Berufserfahrung, gerne 6 davon im Ausland, 4 Muttersprachen.
    Hey, wo sind hier die „ich lach mich kringelig Smileys“ ?

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