20 Jahre her – Beruflicher Neustart

Warum und wie ich vor mehr als zwanzig Jahren beruflich umsattelte, habe ich ja schon erzählt. Gucksdu hier: „20 Jahre her – Abschied von der brotlosen Kunst“ und „20 Jahre her – Die Auserwählten und die Hochbegabten„.

Wie ich dann zu meiner ersten Stelle im neuen Beruf kam, noch nicht. Das kommt jetzt. Wir waren noch mittendrin in der einjährigen Qualifizierungsmaßnahme, als das Arbeitsamt uns zu einer IT-Stellenbörse schickte. Auf einem Stände, auf denen die Firmen sich präsentierten, lief im Hintergrund eine Homepage, die war einfach nur gruselig schlecht. Eigentlich wurden da nur Java-Entwickler gesucht. Aber ich hatte ja nichts zu verlieren, also schob ich meine Mappe über den Tisch und sagte: „Eigentlich suchen Sie ja keine Webdesigner, aber ihre Homepage sieht aus, als könnten Sie eine gebrauchen.“ Die beiden hinter dem Tisch waren völlig verdutzt, nahmen meine Mappe aber brav entgegen.

Genau so verdutzt war ich, als ich wenig später eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekam. Ich musste erst mal nachschauen, was diese Firma eigentlich macht und wo sie sich befindet. Der Firmensitz war in Greven, nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Huch, plötzlich wurde aus der „Spaßbewerbung“ regelrecht ein Traumjob. Immerhin war ich zu jener Zeit gar nicht sicher, ob ich für einen neuen Job eventuell würde umziehen müssen, ins Ruhrgebiet zum Beispiel. Auf jeden Fall nahm ich das Vorstellungsgespräch nun deutlich ernster, auch wenn ich immer noch keine Lust hatte, als Java-Entwicklerin zu arbeiten.

Aber das war auch gar nicht nötig, denn das Vorstellungsgespräch begann mit dem Worten: „Wir gehen ja eigentlich nicht davon aus, dass Sie bei uns Java programmieren wollen. Aber wir hätten da was anderes für Sie….“ Und dann ging es um ein gerade im Aufbau befindliches Team für das Qualitätsmanagement der Software, die die Firma entwickelte und vertrieb, Software für Energieversorger und Baustoffhandel. Das Thema Dokumentation gehöre auch zu den Aufgaben des neuen Teams und mit meiner Zusatzausbildung als Technische Autorin würde ich da gut reinpassen. In einem zweiten Gespräch wurden wir uns auch finanziell einig. Und am 1. Mai 2001 trat ich meine neue Stelle an.

Das ist nun tatsächlich schon wieder zwanzig Jahre her.

Ich fing als Mitarbeiterin in der „Qualitätssicherung“ an und heute bin ich dort Teamleiterin, wobei das Team inzwischen „Konfigurationsmanagement“ heißt. Schon in der Startzeit des neuen Teams wurde relativ schnell klar, dass wir – ein Vierer-Team – keine echte „Qualitätssicherung“ leisten konnten für den täglichen Output von zwanzig oder dreißig Entwicklern. Eigentlich sollten wir das alles testen, dokumentieren und an die Kunden ausliefern, aber das war einfach nicht zu schaffen. Mit der Zusammenstellung der Dokumentation der Software-Änderungen sowie der Implementierung bei den Kunden waren wir bereits vollständig ausgelastet und teilweise auch deutlich mehr als das. Qualitätssicherung im Sinne einer externen Qualitätskontrolle konnten wir definitiv nicht leisten. Das hatte man sich damals anders vorgestellt, aber die Aufgaben des Teams wurden relativ schnell den Realitäten angepasst. Und der Name geändert, auf „Konfigurationsmanagement“. Denn der traf besser das, was ich seit damals mache und bis heute tue: es geht um professionelles Änderungsmanagement einer Software, die ständig in Bewegung ist. Und die bei einigen Kunden auch noch individuell ein bisschen angepasst oder durch zusätzliche Software ergänzt wird. Unsere Kunden sind Energieversorgungsunternehmen, die rechnen mit unserer Software Strom, Gas und Abwasser ab. Klingt einfach, ist es aber nicht. Der Markt für Strom und Gas wird von der Bundesnetzagentur reguliert und die denkt sich – mindestens – zwei mal in Jahr neue Vorschriften aus, wie auf diesem Markt miteinander kommuniziert wird, wie Daten ausgetauscht werden. Denn wenn jemand seinen Stromversorger wechselt, schreibt dafür keiner einen Brief mehr. Das geht alles mit elektronischen Formaten übers Internet: der Wechsel, der Zählerstand, die Abrechnung. Diese elektronischen Formate werden zwei Mal im Jahr neu definiert, erweitert, geändert, im Frühjahr und im Herbst.

Dann muss bei uns die Software geändert werden, oft in sehr kurzer Zeit, weil die zu realisierenden Änderungen oft zeitlich sehr knapp fest definiert werden. Und dann muss alles noch zu den Kunden, in oft noch viel kürzerer Zeit. Ein schönes – schlechtes – Beispiel war der kürzlich eilends verkündete, Corona-bedingte Ruhetag am Gründonnerstag 2021. Der war für ein paar Stunden ganz offiziell beschlossen, also mussten wir ihn in unsere Software einbauen. Alle zusätzlichen Feiertage – an denen ja nicht gearbeitet wird – wirken auf die Fristen, in denen man seinen Stromanbieter wechseln kann. Da geht es immer um Arbeitstage – oder eben solche, die keine sind. Also wurde der neu beschlossene Ruhetag eilends von einer Entwicklerin, die eigentlich Urlaub hatte, in unsere Software eingebaut. Unmittelbar danach begann mein Team, die Änderung an unsere Kunden ausgeliefert. Und gegen Mittag mussten wir alles wieder zurücknehmen, weil an höherer Stelle zurück gerudert wurde…

Natürlich ist es nicht jedes Mal so turbulent. Aber oft genug müssen wir in sehr, sehr kurzer Zeit sehr viel mehr Software-Updates bei unseren Kunden machen, als in einen normalen Arbeitstag passen. Inzwischen können wir mit solchen „Wellen“ ganz gut umgehen, aber manchmal schaffen wir es nicht mit den teameigenen Ressourcen. Weil der Auslieferungszeitraum einfach zu kurz ist und/ oder die Änderungen zu umfangreich. Dann bekommen wir zusätzliche Entwickler dazu, die uns unterstützen. Und die ich anleiten muss, weil sie ja nicht so fit sind wie mein eingearbeitetes Team. Aber das hat bisher noch immer funktioniert, seit 20 Jahren.

Es waren schon extreme Belastungswellen dabei, da mussten wir sogar externe Entwickler dazu holen. Und aus dem eigenen Hause mussten Mitarbeiter aus der Beratung mit in die Auslieferung einsteigen. Zeitweise hatte ich 20 Mitarbeiter, die für mein Team arbeiteten. Normalerweise sind wir zu viert. Und alle unsere zusätzlichen Mitarbeiter mussten angeleitet werden, sie mussten ja wissen, was sie zu tun haben. Letztendlich hat es funktioniert, aber die Belastung, vor allem für mich, war schon wirklich extrem und ging über mehrere Monate. Zu dieser Zeit wurde ich aber auch von allen – wirklich allen – unterstützt. Und ich hatte sozusagen Narrenfreiheit: „Es ist egal, was sie sagt, Hauptsache, sie arbeitet weiter…“ Was sie getan hat, auch wenn sie zeitweise heulend unterm Schreibtisch lag, so ziemlich am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Oder schon ein bisschen drüber. Aber ich bin nach der Heulerei wieder aufgestanden und habe weiter gemacht. Habe mich später, als die Welle vorbei war, auch ganz gut erholt.

Zum Glück ist das nicht in jedem Jahr so, das würden wir nicht schaffen und das würden uns unsere Kunden auch nicht abnehmen. Jedoch kommen wir seitdem mit schöner Regelmäßigkeit in jedem Jahr auf zwei bis drei überdurchschnittliche Belastungsphasen. Meist ist die Bundesnetzagentur daran schuld, manchmal sind diese Phasen auch „nur“ hausgemacht – was für meine Arbeit aber nichts ändert. Auf jeden Fall ist mir in den 20 Jahren noch nicht wirklich langweilig geworden. Alle paar Jahre wechselt auch immer mal die Geschäftsführung, inzwischen habe ich das schon fünf Mal erlebt. Oder eigentlich nur vier Mal, denn der Geschäftsführer, der meinen Arbeitsvertrag damals unterschrieb, war schon nicht mehr da, als ich die Stelle wirklich antrat. Diesen Wechsel habe ich also nicht im eigentlichen Sinne „erlebt“. Die „Haltbarkeit“ unserer Geschäftsführer ist sehr unterschiedlich, zwischen einem und zwölf Jahren war schon alles dabei. Seit dem vergangenen Jahr haben wir mal wieder neue „Häuptlinge“ und müssen uns noch an deren neuen Führungsstil und neue Schwerpunkte gewöhnen. Die aktuellen Bedingungen der Corona-Pandemie machen das nicht einfacher. Immerhin waren wir von vornherein schon ganz gut auf „mobiles Arbeiten“ vorbereitet und inzwischen haben wir uns noch viel besser darauf eingestellt. Vieles davon wird uns sicher erhalten bleiben, auch wenn Corona nicht mehr DAS Thema sein wird.

Auch aus diesen Grund werde ich voraussichtlich da bleiben, wo ich jetzt bin, wenn nicht noch irgendwelche privaten oder beruflichen Katastrophen passieren. Das formuliere ich jetzt so bewusst vorsichtig, denn ich habe ja schon einige Turbulenzen erlebt und weiß, wie schnell so was gehen kann. Ein paar persönliche Veränderungswünsche habe ich natürlich auch noch, aber keiner davon ist so stark, dass es mich tatsächlich in die Ferne treibt. Auch das aus jetziger Sicht, auch so was kann sich ganz schnell ändern. Mal sehen, was die nächsten Jahre so bringen.

Bis zum offiziellen Start meiner Rentenzeit sind es aber keine zwanzig Jahre mehr, diese Zahl ist inzwischen einstellig. Und auch wenn der Rentenbeginn erst wirklich sicher ist, wenn er stattgefunden hat – es ist ja noch genug Zeit für neue Regierungen, mal wieder ein neues Renteneintrittsalter zu beschließen – so ist es doch ziemlich unwahrscheinlich, dass ich noch mal einen Beitrag über weitere 20 Berufsjahre schreiben werde. Aber wer weiß das heute schon ganz genau? Warten wir es also ab… 😉

Ein Whiteboard aus dem Jahre 2014, aus dem Büro meiner damaligen Chefs. Mitten in der Planung für die neue Software-Version der rote Balken: das ist mein Urlaub. Ohne mich = keine neue Version. Das ist noch heute so. Ok, es geht inzwischen durchaus mal ohne mich, aber dann muss ich zumindest die Vorbereitungen gemacht haben. Kann sein, dass sich auch das noch mal ändert, aber auch das werden die nächsten Jahre zeigen…

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